Ludger Schäfer. Zwischen Himmel und Erde. Landschaften am Oberrhein. Britzingen, 16.10.21.

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Sehr geehrte Damen und Herren,

Abstrakte und gegenständliche Malerei, Zeichnung, Skulpturen - das künstlerische Werk von Ludger Schäfer ist vielfältig, doch ich möchte im Laufe dieser kleinen Einführungsrede verdeutlichen, dass bei diesem Künstler alles mit allem zusammenhängt.

Blicken wir zunächst zu den Landschaftsbildern, die ihn augenblicklich ganz besonders beschäftigen. Sie lassen sich in mehrere Motivgruppen unterteilen und innerhalb dieser Serien sucht der Künstler nach immer neuen Facetten des jeweiligen Themas. Zunächst eine kurze Auflistung der Motive, die ihm am Herzen liegen: Wir finden: Felder mit Ackerfurchen, Schwarzwaldgehöfte, Schnee- und Wasserbilder, das Thema "Inversionswetterlage" sowie das bizarre Geäst von Bäumen im Wald, die ihr Laub abgeworfen haben. Schneelandschaften liebt er übrigens ganz besonders und er malt sie daher sogar im Sommer!

Betrachten wir die Rebterrassenlandschaft aus dem Kaiserstuhl, den Blauen oder den Tuniberg, dann wird klar, dass es sich um gesehene Landschaften handelt. Sie entstehen aber nicht plein air, also nicht vor der Natur. Schäfer bringt vielmehr von seinen Mountainbike-Touren, die ihn durch die ganze Region führen, Landschaftseindrücke mit nach Hause und verarbeitet diese im Atelier. Dort kehrte das Erlebte aber nicht im Verhältnis von quasi 1:1 zurück und das will er auch gar nicht. Für den Künstler ist es zentral, dass seine Bilder kein Abbild der Region widergeben und sich auch nur bedingt topografisch zuordnen lassen. Ihm geht es nämlich um etwas ganz anderes: Die Landschaft bildet letztendlich nur die Bühne für den Auftritt des Lichts. Schäfer zeigt, dass das Sichtbare eigentlich nur ein Zauber aus Licht und Schatten ist und diesen Zauber gestaltet er mit den Mitteln von Farbe und Malerei. Mehr als das Abbild eines bestimmten Ortes ist es also eine empfundene Stimmung oder ein Rhythmus von Hell und Dunkel, den der Künstler in sich aufgenommen hat. So berühren seine Bilder über ihre ganz besondere, mitunter eigentümlich verhaltene Atmosphäre. 

Einige der Landschaften verfügen - wie die alten Holländer - über einen sehr tief liegenden Horizont und einen entsprechend hohen, weiten Himmel, an dem er sich mit kräftigen Farben und einem dynamischen Pinselstrich ausgetobt hat. Im Kontrast zu diesen extrem malerisch behandelten Partien weist die Landschaft auch grafische Strukturen auf. Die Gruppe der "Windbuchen" auf dem Schauinsland ist hierfür ein gutes Beispiel. Das Geflecht ihrer bizarren Äste scheint nach rechts hin aus dem Bild hinauszutreiben, wir spüren förmlich die Kraft der Naturgewalten, welche diese Verformung hervorgerufen hat. Ein wesentlich ruhigeres, statisches Element, das aber nicht minder von der Linie bestimmt ist, ergibt sich bei der parallelen Führung von Ackerfurchen und der Unterteilung der Landschaft in kleine, verschiedenfarbige und mosaikartig ineinander gefügte, rechteckige Abschnitte, die sich zu einer kompakten Einheit verdichten. Schäfer erzählte mir in unserem Vorgespräch, dass er so etwas wie "die Sprache und die Archetypen der hiesigen Natur" ins Bild bringen will. Wir sehen daher keine Stimmungslandschaften im Sinne der Romantik. Auch wenn er unsere Gegend wunderschön findet, so will er doch keine Idylle schildern. Das sieht man besonders deutlich bei den Gehöften im Schwarzwald. Diese mächtigen Eindachhöfe sind ein beliebtes Thema in der Kunst, doch bei Schäfer schmiegen sie sich nicht in die Senken der Landschaft sondern stehen oftmals an einem extrem abschüssigen Hang, dessen Diagonale eine große Dynamik ins Bild bringt. Die Perspektive der Dächer hat der Künstler dabei verändert, so wurde das kleine Frontdach in die Fläche gekippt. Auf diese Weise bringt er die Komposition zum Ausgleich und das Haus "rutscht" nicht nach rechts unten ab. Betrachtet man diese Gehöfte näher, so wird schnell klar, worum es ihm bei diesem Motiv eigentlich geht: Weniger um das Haus an sich, als um das helmartig heruntergezogene Dach, das Schutz bietet und jedem Wetter trotzt. Wir sehen die schlichte Schönheit und extrem reduzierte Form einer archaischen Behausung. Auf die Schilderung von Türen oder Fenster wird verzichtet, ganz und gar ist unser Blick auf dieses im Spiel von Licht und Schatten changierende Dach konzentriert, das wie ein Prisma in der Landschaft steht. 

Der Buchtitel führt übrigens auf eine Spur, die zum Verständnis der Werke wichtig ist. Denn zwischen Himmel und Erde befindet sich das Immaterielle des Lichtes, das Nichtgreifbare, das sich auf Schäfers Werken in Farbe ausdrückt. Der Künstler liebt Ocker, Gelb und Rot, und auch sein Schnee ist nicht einfach weiß, sein Wasser ist nicht nur blau, er untermalt seine Kompositionen mit Grau, Ocker, Orange und Rosa und erzeugt damit eine große räumliche Tiefe und atmosphärische Dichte. Überdies wird die Ölfarbe partiell mit Sand gemischt und auf diese Weise ergibt sich eine zusätzliche Wirkung: Wir finden sowohl die gemalte Reflektion von Licht auf den Schneefeldern, Wasseroberflächen und Ackerfurchen als auch eine Reflektion der Farbe selbst durch die sandig aufgeraute Oberfläche. Diese Materialität erdet seine Werke und verleiht ihnen eine förmlich greifbare Substanz. 

Betrachtet man die strenge Aufteilung der Landschaft in rechteckige Felder und die gerade gezogenen Linien der Ackerfurchen, dann wird uns klar, dass wir nicht in einer natürlich geformten, sondern in einer Kulturlandschaft leben. Doch Schäfer lässt auf diesen Feldern nichts wachsen und die Furchen verweisen nicht auf die Zeit, in der das fruchtbare Land eine reiche Ernte erwarten lässt. Statt dessen wirken Schäfers Landschaften oftmals dunkel und geheimnisvoll. Diese mitunter düstere Bildstimmung rührt sicherlich auch daher, dass der Künstler den Herbst mit seinen nebligen Tagen besonders liebt. 

In meinen Augen sind diese Landschaften nicht denkbar ohne die abstrakte Farbfeldmalerei, die der Künstler intensiv und über einen längeren Zeitraum hinweg betrieben hat. Hier wie da geht es darum, mit Farbe und Form zu fokussieren und zu verdichten und mit sparsamen Mitteln zu einem starken Ausdruck zu gelangen. 

Auch in den Farbfeldern geht es um das Licht und die Wirkung von Farbe, doch eben vollkommen losgelöst von der Welt des Gegenständlichen. Die kleinen Rechtecke tanzen wie farbige Lichter vor unseren Augen und Schäfer setzt aus ihnen eine neue, eigene Welt im Bild zusammen. Diese Farbfelder genügen sich selbst und erzeugen ein reines Farbklangbild. Teilweise hat er Rechtecke verschiedener Farbe und Intensität eng aneinander gereiht, wobei einzelne Töne in farbigen Gruppen zusammenstehen und den Eindruck einer schwebenden Leichtigkeit erzeugen. Das Bild zeigt sich als ein selbständiges Ordnungsgefüge unabhängig von einer realen Vorlage.

Und wenn wir dann zu Bildern wie "Solitär" oder "Buchenwald" blicken, dann wird uns klar, dass er aus diesen Farbfeldern schließlich eine gegenständliche Welt gebaut hat. Die zumeist rechtwinkling aneinander stoßenden, geometrischen Kleinformen agieren als Grundlage für die Landschaftsmalerei und er nutzt sie, um Vorder-, Mittel- und Hintergrund teppichartig miteinander zu verweben. 

Der Mensch ist lediglich indirekt, nämlich durch seine Eingriffe in die Natur oder seine Behausung in den Werken des Künstlers anwesend. Er tritt jedoch innerhalb der Skulpturen in das Oeuvre von Ludger Schäfer ein. Hier sehen wir Männer und Frauen, sie sind manchmal dick, manchmal dünn wirken aber immer sehr zerbrechlich. Das mag daher rühren, dass sie keine Füße haben und daher über keinen festen Stand verfügen, teilweise schweben sie sogar über ihrem Sockel. Ihre Arme liegen entweder eng am Körper an oder werden hoch über den Kopf gereckt. Formal sind sie stark abstrahiert und wenn Sie die überlebensgroßen Arbeiten im Hof gesehen haben, dann zeigt sich, dass es Schäfer auch im dreidimensionalen Bereich nicht um ein Abbild geht. Es ist eher ein leichter Körperschwung, eine stilisierte Bewegung, die sich in diesen Werken niedergeschlagen hat. 

Sehr geehrte Damen und Herren, nehmen Sie sich nun Zeit beim Betrachten der Werke von Ludger Schäfer, und entwickeln Sie ein Gefühl für die unterschiedlichen Wirkungen von Farbe und Linie, Verdichtung und Reduktion. Sie werden sehen, jede Arbeit hat eine eigene Persönlichkeit, manche sind schneller zugänglich und mitteilsam, andere öffnen sich dagegen nur langsam und entfalten sich ganz allmählich. So machen diese Werke deutlich, dass sich die Kunst ein eigenes Leben schafft, dass sie weder Abbild noch Derivat der Natur ist, sondern notwendige und gleichberechtigte Lebenspartnerin.