Katalog zu 10 Jahre OFFENE ATELIERS IN MÜLLHEIM 2021

Ausstellung im Markgräfler Museum
64 Seiten
ISBN: 978-300-068751-8

Preis: 10 €

Ludger Schäfers Oberrheinlandschaften (Kurzfassung)

Von Dr. Hans-Dieter Fronz

 

(…) Angesichts dieser Zusammenhänge besitzt es einen besonderen Charme, die Landschaftsansichten des vorliegenden Bandes nicht in fotografischer Form, sondern in Gestalt von Kunstwerken – Gemälden und Zeichnungen – vorgelegt zu bekommen. Ludger Schäfers Landschaften am Oberrhein führen uns gewissermaßen an den Ursprung von Landschaft zurück. Das verleiht ihnen eine starke Authentizität.

Für den Maler und Zeichner Ludger Schäfer war Landschaft schon immer ein Sujet. Aufgewachsen in einer Stadt in Nordrhein-Westfalen, studierte er in Freiburg und wurde später in Britzingen bei Müllheim ansässig, wo er auch heute lebt. Südbaden ist ihm zur zweiten Heimat geworden. „Es ist die Landschaft am Oberrhein mit ihren intensiven Farben, zwischen Schwarzwald und Vogesen, die mich beeindruckt“, sagt er. Mit  Pinsel und Farbe, auch mit Fineliner hat er sie in zahlreichen Ansichten auf Leinwand und Papier gebannt. Seinen Farben mischt er häufig Lös und Sand bei. Dabei entstehen Reliefstrukturen mit einer erhöhten Lichtreflexion, die seinen Gemälden eine besondere Ausstrahlung geben: Hell angestrahlt zeigen sie eine Art 3D-Effekt.

Breitete sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Landschaftskunst die Pleinairmalerei aus, so kann Ludger Schäfer beim Malen oder Zeichnen auf die Präsenz des Motivs verzichten. Er besitzt nämlich ein gutes Bildgedächtnis. Bis ins Detail sind ihm die von ihm meist auf dem Mountainbike durchquerten und somit buchstäblich „erfahrenen“ Landschaften noch später gegenwärtig. Seine Bilder und Zeichnungen entstehen im heimischen Atelier aus der Erinnerung.

Oft schon wurde der Oberrhein ob seiner landschaftlichen Schönheit gepriesen. Ludger Schäfers Ehrgeiz war es nun keineswegs, in dem Band die (vermeintlich) schönsten Ansichten und beliebtesten Panoramen zusammenzustellen. Bei der Wahl seiner Motive ließ er sich vielmehr von seinen spontanen Eindrücken und vom Zauber des Augenblicks leiten. So ist das Buch kein Kompendium anerkannter landschaftlicher Schönheiten oder wandertouristischer Kleinodien geworden – gottlob! -, sondern ein Dokument authentischer Landschaftswahrnehmung und Landschaftskunst.

Die ganze Vielfalt oberrheinischer Landschaften breitet der Künstler vor unseren Augen aus: Rheinebene und Schluchsee, Markgräflerland oder Schwarzwalderhebungen wie Kandel und Blauen. Nicht selten liefern die Titel seiner Werke keinen oder nur einen vagen Hinweis auf die geografische Lage der jeweiligen Landschaft. Während andere Motive präzis verortet werden: so der Isteiner Klotz, das Hebel-Haus in Hausen im Wiesental - oder Kloster Murbach im Elsass. Eine ganze Serie von Gemälden trägt den Titel „Himmel und Erde“. Es ist zugleich der Untertitel des Buches. In der Moderne ist die Serie ein Mittel, ein Sujet gestalterisch durchzudeklinieren und unterschiedliche Aspekte auszukosten: im konkreten Fall beispielsweise die verschiedenen Valeurs von Tages- und Jahreszeit. Ludger Schäfer selbst vergleicht  das serielle Verfahren mit Bachs „Kunst der Fuge“.

Seine Landschaften sind weniger realistisch gemalt als ausdrucksstark. Wichtig für die Bildstimmung sind nicht nur die Konturen und Farben einer Landschaft, sondern beispielsweise die Witterung und mithin die Luftperspektive. Auch hier ist der Künstler kein realistischer Maler. Nicht wenige Bilder zeigen einen Wolkenhimmel - doch Ludger Schäfers Wolken sind manchmal grün. In durchaus vergleichbarer Weise gaben die deutschen Expressionisten ihren Figuren grüne Gesichter oder Leiber: malerische Umsetzung einer höheren, „gefühlsmäßigen“ Wahrheit. Von gleicher Ausdruckskraft sind bei Ludger Schäfer rosa und violette Felder oder Rebhänge. Doch schießt er in der Farbgebung seiner Bilder nie übers Ziel hinaus. 

Häufig integriert er in die Landschaftsbilder und -zeichnungen Architektur; sofern sie nicht das eigentliche Sujet bildet wie in Gemälden mit Schwarzwaldhöfen oder mit Bammerthäuschen. Darin akzentuiert Ludger Schäfer ein wichtiges Wesensmerkmal der Ländereien am Oberrhein. Seit je vermischen sich in der uralten Kulturlandschaft Natur und Kultur aufs innigste.

Ludger Schäfers Verzicht auf fotorealistische Wiedergabe der Motive lässt an die Redewendung ‚weniger ist mehr’ denken. Dass fehlende Naturtreue mit Eindrücklichkeit und gesteigerter Gefühlstiefe einhergehen kann, wussten sowohl die Ex- als auch schon die Impressionisten. Ein Pendant dazu auf dem Feld der Zeichnung erwähnt Ludger Schäfer gesprächsweise. „Die Kunst des Zeichnens ist im Grunde die Kunst des Weglassens“, lautet seine Maxime als Zeichner.